Alles grün? Die neuen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen

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2015 ist Ende: Die  „Millennium Development Goals“ (MDG) der Vereinten Nationen laufen aus – nach 15 Jahren. Im Jahr 2000 hatten Politiker aus aller Welt die MDG unter dem Dach der Vereinten Nationen verabschiedet. Die Ziele fokussierten sich auf Themen wie Hunger sowie die Verbesserung von Gesundheit und Förderung der Bildung. Im Kern stand die Bekämpfung der Armut. Zielgruppe waren die Entwicklungsländer.

Nun ist diese Zeitspanne bald vorüber – Probleme aber bleiben. Um diese zu lösen und bessere Lebensbedingungen für Millionen von Menschen zu gestalten, gibt es inzwischen neue Ziele der Vereinten Nationen (UN): „Unsere Welt verändern – Programm für nachhaltige Entwicklung bis 2030“ sind sie betitelt und das Programm enthält 17 grundlegende Entwicklungsziele – die Sustainable Development Goals (SDG). Diese schließen an die vorherigen Ziele an, zum Beispiel die Beendigung der Armut oder der Zugang zu sauberem Trinkwasser; sie gehen aber darüber hinaus.

Die Graphik zeigt 18 quadratische Tafeln in verschiedenen Farben. Auf diesen sind die 17 Sustainability Development Goals der Vereinten Nationen zu sehen, zum Beispiel Armut beenden, saubere Energie oder resiliente Städte.,

Die 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen. Sie gelten bis 2030. Quelle: un.org.me

Neue Entwicklungsziele der Vereinten Nationen

Zwar hatten auch die MDG zwar schon die Ökologie im Blick, jedoch wurde zu Recht kritisiert, dass die ökologische Seite der Nachhaltigkeit zu wenig berücksichtigt wurde. Zudem blieben die Vereinbarungen hinter den notwendigen Maßnahmen zurück. Gerade Umweltthemen sind vielschichtig und mit vielen anderen Bereichen verschränkt und verbunden – wie Armut, Hunger und Trinkwasser. Hier wurde eine sehr enge und eingeschränkte Perspektive auf die Ökologie eingenommen.

In den SDG finden sich nun in mehreren Zielen ökologische Aspekte und auch eine nachhaltige Perspektive wird berücksichtigt. So wird angestrebt, nachhaltiges Wirtschaftswachstum und nachhaltigen Konsum zu fördern, „Ozeane und Meeresressourcen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung erhalten und nachhaltig“ zu nutzen sowie „die Landökosysteme [zu]schützen, wiederher[zu]stellen und ihre nachhaltige Nutzung [zu]fördern, Wälder nachhaltig [zu]bewirtschaften, Wüstenbildung [zu]bekämpfen, Bodenverschlechterung [zu]stoppen und um[zu]kehren und den Biodiversitätsverlust [zu]stoppen“ und den Klimawandel zu bekämpfen.

Kritik an den Vereinbarungen

Ende September findet der Sustainable Development Summit in New York statt, um die Post-2015-Agenda zu verabschieden. Die 17 Vereinbarungen der SDG sollen ab dem 1. Januar 2016 gelten, die Umsetzung ist für die Staaten freiwillig, über die Maßnahmen entscheiden sie individuell. Genau das ist einer der Kritikpunkte – die Freiwilligkeit. Keine Regierung kann für ihr Verhalten belangt werden. Der Philosoph Thomas Pogge kritisierte in der ZEIT etwa die Beliebigkeit in den Teilzielen. Ulrich Post von der Welthungerhilfe sagte der Frankfurter Rundschau, dass die ursprünglichen Ziele aufgeweicht worden seien. Auch die Finanzierung, welche die Privatwirtschaft miteinschließen soll, muss erst einmal gestemmt werden. Und wie zukünftig die Staaten in ihren Haushaltsetats die vereinbarten Ziele berücksichtigen und Prioritäten festlegen, darf gespannt beobachtet werden.

Auch wenn mit realistischem Blick auf die neuen Ziele also Zurückhaltung und eine nicht zu hohe Erwartungshaltung angebracht ist, bleibt doch positiv, dass in den SDG die ökologische Dimension deutlich mehr Aufmerksamkeit erhält und daher diese vermutliche auch eine größere Wirkung in der breiten Öffentlichkeit haben wird.

Die alten Entwicklungsziele: Was wurde erreicht?

Ein kurzer Rückblick auf die MDG zeigt: Die Zielsetzung der UN, für eine nachhaltige Entwicklung bis 2015 zu sorgen, ist innerhalb der 15 Jahre nur zum Teil erreicht worden. Es gibt wichtige Erfolge, wie die geringere Säuglingssterblichkeit oder dass weniger Menschen in extremer Armut leben. Jedoch liegt der Teufel im Detail und nicht für alle Ziele und vor allem für alle Regionen sind die Fortschritte gleichermaßen groß.

Die Graphik zeigt die acht MIlleniumsziele der Vereinten Nationen auf quadratischen Tafeln, beispielsweise der Zugang zu BIldung.

Laufen aus: die United Nations Millennium Development Goals. Quelle: un.org/millenniumgoals

Ein Beispiel dafür ist das Ziel Nr. 7, die Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit. Darin geht es auch um den Zugang zu sauberem Trinkwasser. Laut dem Millenium Development Goal Report 2015 (MDGR 2015) haben 91 Prozent der Weltbevölkerung Zugang zu verbesserter Trinkwasserversorgung, gegenüber 76 Prozent im Jahr 1990. Jedoch muss man hinzufügen, dass es regionale Schwankungen gibt und auch Qualität und Menge nicht überall gleich sind. Außerdem ist der Begriff „verbessert“ problematisch, wie schon Inga Winkler vom Deutschen Institut für Menschenrechte in ihrem Essay aus dem Jahr 2011 anführte. So erläutert sie, dass für die Einstufung von Wasserquellen als „verbessert“ angenommen werde, dass das Wasser sauber ist, die Quellen im Haushalt oder in unmittelbarer Nähe liegen sowie dass Zugang zu ausreichenden Mengen besteht. Oft schwankt die Qualität aber, ist niedriger als angenommen oder der unmittelbare Zugang kann nicht gewährleistet werden (weil es mehr als 30 Minuten dauert, Wasser zu holen).

Sanitärversorgung ≠ Wasserversorgung

Interessanterweise gehört auch der Zugang zu Sanitäreinrichtungen zum Ziel Nr. 7. Laut dem MDGR 2015  erhielten weltweit 2,1 Milliarden Menschen Zugang zu verbesserter Sanitärversorgung. Jedoch hat nicht jeder Mensch, dem Trinkwasser zur Verfügung steht, auch automatisch die Möglichkeit, Toiletten zu nutzen. Hinzu kommt, dass beide Bereiche häufig zusammen betrachtet werden. Sanitäranlagen sind aber nicht zwingend auf Wasser angewiesen; anstatt Wassertoiletten sind auch Komposttoiletten bzw. Trockentoiletten einsetzbar.

Ein weiteres Problem ist, dass bei der Einstufung als „verbesserte Sanitärversorgung“ die Abwasserfrage unklärt bleibt: Wird das Schmutzwasser ordnungsgemäß entsorgt oder gelangt es wieder in die Quellen, aus denen die Menschen Trinkwasser entnehmen? Es wird geschätzt, dass in den Entwicklungsländern nur zehn Prozent der Abwasser geklärt werden.

So zeigt sich an diesem Beispiel gut, wie wichtig die veränderte Ausrichtung der neuen Entwicklungsziele ist – hin zu einem umfassenderen Verständnis von nachhaltiger Entwicklung, das die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Dimensionen stärker berücksichtigt. Es ist zu wünschen, dass diesem Ansatz pragmatisches und wirkungsvolles Handeln folgt.

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About Author

Timo Klippstein

Interessiert sich für Stadtkultur und verfolgt den Wandel in der Arbeits- und Medienwelt. Schaut und spielt gerne Basketball. Arbeitet beim Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW in der Kommunikation.Schreibt bei Medium als @klippklar.

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