Cornucopia: Die Umwelt als Füllhorn

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Teil 1 der Serie „Ökologische Positionen“

Wer die Debatten zu Themen wie Umwelt und deren Schutz verfolgt oder die Diskussionen über Natur und Kultur, stößt dabei immer auf Positionen, die hinter dem Gesagten oder Geschriebenen stehen. Im ersten Teil dieser losen Serie beschäftige ich mich mit der Position „Cornucopia“ (lat. cornu copiae „Horn der Fülle“). Haltungen wie diese sind politischer, soziologischer, ökonomischer oder philosophischer Art. Sie zeigen an, wie sich der Mensch gegenüber und in seiner Umwelt verhält oder auch, welche Bedeutung Begriffe wie „Natur“ haben.

Das Füllhorn des Überflusses

Zentral bei der Cornucopia-Position ist die Vorstellung, dass die Dynamik des Kapitalismus für Lösungen der ökologischen Probleme sorgt und Wohlstand bringt. Obwohl es allgemein bekannt und anerkannt ist, dass moderne Gesellschaften die Umwelt verschmutzen und zerstören, sind diese Bedrohungen oder Gefahren aus Sicht der Cornucopians übertrieben oder gar illusorisch. In dieser Haltung steckt auch der Gedanke, dass auftauchende Probleme mittels technischer Verfahren gelöst werden können.

Die Abbildung zeigt eine Zeichnung auf dem ein Füllhorn dem Betrachter entgegen geneigt ist. In der Öffnung liegen verschiedene Früchte

Ein Füllhorn mit Früchten. Zeichnung: Pearson Scott Foresman, via Wikimedia, CC BY 2.0.

Ganz streng genommen dürfte man die Füllhorn-Position nicht zu den ökologischen zählen, da sie sich außerhalb oder autonom von der Umwelt verortet. Ich tue dies hier dennoch; einerseits, um das Spektrum abzubilden, in dem sich die Diskussionen abspielen (und dazu zählt auch die Cornucopia), andererseits ist diese Denkhaltung auch in der Wissenschaft beschrieben. Und: Sie wird praktiziert und vertreten. Dazu muss man nur auf Äußerungen von Politikern achten oder Vertretern aus der Industrie zuhören, aber auch Bürger vertreten diese Ansicht.

Ich beziehe mich vor allem auf die Arbeit des Wissenschaftlers Greg Garrard, der an der University of British Columbia zu Nachhaltigkeit und Ecocriticism forscht sowie den Ecocriticism-Reader von Cheryll Glotfelty und Harold Fromm.

Knappheit ist Teil der Wirtschaft und (fast) alles ist machbar

Das Symbol des Füllhorns veranschaulicht den Überfluss und Reichtum in der Welt. Mangel ist für die Anhänger der Cornucopia lediglich ein ökonomisches Problem, kein ökologisches. Dies ist ein zentraler Unterschied zu anderen Haltungen im Umgang mit der Umwelt. Und dieses bloß ökonomische Problem löst der Kapitalismus. Das Konzept selbst ist dynamisch, setzt auf Entwicklungen und sieht so zum Beispiel im Bevölkerungswachstum selbst eine neue Ressource – denn durch mehr kluge und produktive Menschen ergeben sich mehr Möglichkeiten, Lösungen zu finden und letztlich den Wohlstand wachsen zu lassen.

Auf dem Foto ist ein Füllhorn aus Stein zu sehen, das an einer Wand lehnt.

Füllhorn aus Stein. Foto: takomabibelot, via Flickr, CC BY 2.0.

Es ist nicht zu leugnen, dass der Kapitalismus es auf eine ganz eigene Weise schafft, den Menschen zu neuen Lösungen zu treiben, und ihm so neue Möglichkeiten der Problembewältigung aufzeigt. Garrard rät wohl auch deshalb dazu, den Kapitalismus nicht zu unterschätzen.

Dennoch wendet er ein: Verbesserungen zugunsten der Umwelt seien gerade durch den Einsatz von Umweltschützern und Aktivisten erreicht worden und nicht allein durch kapitalistische Entwicklungen. Dabei ist auch die Rolle der Bürger zu nennen, die andere Produkte und Dienstleistungen wünschen (als die bis dahin verfügbaren) und so die Produzenten erst zu Änderungen bewegen, zu einer ökologischeren Herstellung beispielsweise oder dem Einsatz von umweltverträglicheren Materialien.

Die Frage nach dem Wert der Natur

Ein letzter Punkt ist interessant. Pflanzen und Tiere, Gewässer und Gebirge, Wüsten und Eislandschaften – also nicht-menschliche Natur – haben für die Cornucopians keinen Wert. Oder wenn, dann nur insofern, als sie Auswirkung auf den menschlichen Wohlstand haben. Natur hat demnach ihren Wert in der Nützlichkeit oder Verwertbarkeit – aber keinen Wert an sich.

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About Author

Timo Klippstein

Interessiert sich für Stadtkultur und verfolgt den Wandel in der Arbeits- und Medienwelt. Schaut und spielt gerne Basketball. Arbeitet beim Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW in der Kommunikation.Schreibt bei Medium als @klippklar.

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