Der Wald wächst die Wände hoch

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Raus in die Natur – so hieß es mal. Heute heißt es: Holt die Natur in die Stadt zurück. Genau das machen der Bosco verticale in Mailand und One Central Park in Sydney – prächtige Wohnkomplexe mit tausenden Sträuchern und Büschen an ihren Fassaden.

Schwarze Fassade, viel Glas und – viel Grün. Das ist der Bosco verticale im Norden von Mailand: ein vertikaler Wald. Wohin der Betrachter an den Hochhäusern schaut, erblickt er an den Balkonen Bäume und neben den Fenstern wuchert weitere Flora: Stauden, Sträucher und Bodendecker. Jede der 113 luxuriösen Wohnungen hat einen Balkon oder eine Terrasse, auf der ein eigener Mini-Wald sprießt.

Das Foto zeigt zwei Hochhäuser. An den Fassaden des bosco verticale wachsen viele Bäume und Büsche auf Terrassen und Balkonen.

Wald-Hochhaus: der bosco verticale in Mailand. Foto: Andrea Passoni, CC BY 2.0

Bis zu neun Meter hoch sollen die Bäume werden, rund 900 Stück sind es insgesamt, die an den 80 und 112 Metern hohen Wohntürmen wachsen. Die Bäume eines Turms entsprechen dabei einer Fläche von etwa einem Fußballfeld. Der Bosco verticale steht nahe der Porta Nuova, Quartier der Expo 2015, die mit ihrem Motto „Feeding the Planet, Energy for Life“ Nachhaltigkeit zum Thema macht. Der begrünte Wohnkomplex ist außerdem Teil eines Revitalisierungsprojekts von Mailand, dem Programm „Metrobosco“ – eine Art urbane Wiederbewaldung der Stadt.

Ökofunktionen der Gebäude

Interessant, neben der wuscheligen Optik des Komplexes, ist die Verbindung von Wohnen und Natur, Technik und Leben: Der vertikale Wald, der 2014 den Internationalen Hochhauspreis gewonnen hat, soll helfen, Energie effizient einzusetzen. Die Pflanzen als eine zweite Außenhaut erzeugen ein Mikroklima, das im Sommer kühlt und im Winter wärmt. Außerdem halten sie Staub und Schmutz ab und absorbieren Kohlendioxid. Die Bäume, Büsche und Gräser befeuchten die Luft und schirmen die Wohnungen gegen den Lärm der Stadt ab. Botaniker und Gärtner haben für die einzelnen Pflanzen die geeigneten Plätze an der Fassade ausgesucht. Wasser erhalten diese zum großen Teil durch das gefilterte Abwasser der Häuser.

Einen weiteren Eindruck von der Architektur und Gestaltung des Bosco verticale vermittelt dieses Video:

Hängender Garten in Sydney

Spektakulär fallen sie an der Fassade herab, die hängenden Gärten, die der französische Landschaftskünstler Patrick Blanc gestaltet hat. Die Pflanzen sind Teil des Wohngebäudekomplexes One Central Park in Sydney. Wie auch in Mailand prägt der ökologische Ansatz das Gebäude – in der von außen unsichtbaren Haustechnik und in der sichtbaren Fassadengestaltung. Auf einer Fläche von etwa 1.000 Quadratmetern wächst ein Vertikalwald mit rund 35.000 Pflanzen. Per Fernsteuerung erhalten die Bäume und Sträucher Wasser und Nährstoffe über ein Filznetz, dieses hält auch den Wald an der Wand. Ein Hingucker ist das Heliostat am Hochhaus, eine Art Spiegel, der das Sonnenlicht reflektiert, um den Park am Boden zu erhellen. Auch innen geht es möglichst ressourcenschonend zu: Es gibt eine Wasseraufbereitungsanlage und ein Kraftwerk, das Strom kohlenstoffarm erzeugt.

Ein Foto von einem Hochhaus von unten aufgenommen. Ähnlich wie bei bosco verticale wachsen an der Fassade Pflanzen.

One Central Park: der Hochhauskomplex in Sydney. An der Fassade wachsen Pflanzen. Rechts im Bild das Heliostat, der Sonnenlicht nach unten spiegelt. Foto: Rob Deutscher, CC BY 2.0

Die Projekte Bosco verticale und One Central Park deuten an, wie sich der Stadtraum weiter wandeln wird. Denn obwohl sich Städte in den Raum ausdehnen, um zu wachsen, verdichten sie sich zugleich. Der Mensch zieht vom Land in die Stadt – und nimmt die Natur mit. Was früher der sorgfältig angelegte Stadtpark war, wächst heute direkt die Hauswände hinauf. Was einmal die grüne Lunge in der Vorstadt war, rückt jetzt ins Zentrum. Menschen wollen zentral wohnen, weniger verbrauchen, mobil und vernetzt sein: das Ideal des urbanan Lebensgefühls im 21. Jahrhundert.

Vertikale Verdichtung

Die grünen Häuser verbinden dabei die Daseinsgrundfunktionen Wohnen und Erholung. Ein vertikaler Gemüsegarten ergänzt die dritte wichtige Funktion, die Versorgung. Ein solcher Nutzgarten steht in der amerikanischen Stadt Portage, in der Nähe von Chicago. Dort wachsen Salat und Kräuter der Firma Green Sense Farms auf Regalflächen mehrere Meter in die Höhe. Die vertikale Anbauweise erhöht die Pflanzendichte – weniger Fläche, aber mehr Ertrag. Energiesparende LED-Lampen beleuchten die Pflanzen mit blau-rötlichem Licht und fördern so gezielt deren Wachstum. Zudem gibt die Firma an, durch ihre Anbaumethode nur 0,1 Prozent der Menge an Wasser, Land und Dünger zu verbrauchen, die herkömmliche Landwirtschaft benötigt.

Ein anderes Projekt ist z-farm aus Berlin, das sich mit der Idee der Landwirtschaft in, an und auf Gebäuden beschäftigt. Dabei arbeiten Wissenschaftler des Instituts für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin und des Leibniz-Instituts für Agrarlandforschung sowie des Instituts für Ressourcenmanagement Inter 3 zusammen: Sie erforschen unter anderem welche Anbautechniken und städtische Infrastrukturen benötigt werden oder welche Folgen die Anbauweisen an Gebäude für die Lebensqualität haben. So trifft urban gardening der Gegenwart auf die vertical farms der Zukunft.

Es zeigt sich, wie die Vertikalität im urbanen Raum mit seiner Enge und Verdichtung zwei Aspekte verbindet: einerseits Alternativen zur Gestaltung des Wohnraums und andererseits eine neue, möglichst effiziente Art der Landwirtschaft. Denn der Ort, wo Menschen leben, entscheidet ganz wesentlich darüber, wie nachhaltig sie ihr Leben führen können. Der Schrebergarten des 21. Jahrhunderts könnte schon bald die Wände hochwachsen.

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About Author

Timo Klippstein

Interessiert sich für Stadtkultur und verfolgt den Wandel in der Arbeits- und Medienwelt. Schaut und spielt gerne Basketball. Arbeitet beim Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW in der Kommunikation.Schreibt bei Medium als @klippklar.

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