Essen fassen: „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“

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Mit fast zehn Milliarden Bewohnern auf der Erde bis zum Jahr 2050 – wie können sich diese Menschen ausreichend ernähren? Dieser Frage geht der Dokumentarfilm von Valentin Thurn nach und zeigt Wege und Ansätze von Forschern, Aktivisten, Bauern und Produzenten auf der ganzen Welt zum Thema Ernährung.

Worauf fällt zukünftig die Wahl beim Essen? Auf künstliches Laborfleisch oder Fleisch vom Tier? Welche Richtung schlagen die Menschen bei ihrer Ernährung ein? Im Film „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ von Valentin Thurn treffen Beispiele von Großindustrie und Düngerproduzenten auf die Situation von Landwirten im afrikanischen Malawi und bayerischen Biobauern; vertikale Gärten von japanischen Forschern und genveränderte Lachse in Kanada stehen der „essbaren Stadt“ in England gegenüber, die Beete mit Obst und Gemüse auf öffentlichen Flächen angelegt hat. Solche Gegensätze beherrschen als Stilmittel die Dokumentation. Bei der Suche nach der richtigen Landwirtschaft, die sowohl gesunde als auch ökologisch und ethisch vertretbare Nahrungsmittel erzeugt, stellt Regisseur Thurn („Taste The Waste“) viele Projekte auf der ganzen Welt vor. Jedes verfolgt einen anderen Ansatz mit anderen Akzenten, Essen zu produzieren und Antworten auf den Hunger zu finden.

Lokale Initiativen für eine globale Ernährung

Es ist die panoramische Breite, die den Film interessant macht, wenn Thurn die Menschen und ihre Arbeit vorstellt. Diese Aneinanderreihung ist eine Stärke des Films, der damit ein globales Bild der Ernährung und der Produktion von Lebensmitteln zeichnet. Deutlich werden so die Möglichkeiten und Alternativen, die es gibt – abseits von der etablierten Lebensmittelindustrie. Er zeigt auch die Auswirkungen der Viehwirtschaft, die Pflanzen als Tierfutter anbaut und damit örtlichen Bauern ihre Lebensgrundlage nimmt. Thurns Film besetzt ein wichtiges Thema, das in seiner Vielfalt zwischen Ökologie und Ökonomie, Kultur und sozialer Verantwortung deutlich wird. Informierte und interessierte Zuschauer erfahren hier nicht viel Neues, es gelingt dem Filmemacher aber, Zusammenhänge aufzuzeigen – meistens jedenfalls.

An manchen Stellen bleiben Fragen offen, die Thurn zwar stellt, auf die er aber dann keine weiterführende Antwort liefert. So bleibt etwa der Besuch in Chicago mit Bildern, die Thurn in der Lebensmittelbörse mit den verwirrenden Kurstafeln zeigen, reine Illustration – die Erläuterungen greifen zu kurz, um zu erklären, wie das Spekulationsgeschäft mit Agrarproduktion, Flächennutzung und Forschung zusammenhängt. Ein nicht informierter Zuschauer weiß auch nach dieser Filmpassage noch immer nicht, wie der Handel funktioniert.

Ein Film zwischen Meinung und Mission

Insofern ist es an mancher Stelle die Tiefe, die dem Film fehlt. Als Zuschauer hätte man gerne erfahren, inwiefern die alternativen Anbaumethoden welche Mengen an Nahrungsmitteln erzeugen können – einfach weil es sonst schwierig ist, sich diese Dimensionen bei zehn Milliarden Menschen vorzustellen. Auch die sehr interessante Episode der „Transition Town“ im englischen Totnes lässt eine Stütze mit Zahlen vermissen. Dort spricht der Erfinder des Konzepts Rob Hopkins von vielen Studien, die die dort angewandte Landwirtschaft als die bessere belegen – doch Thurn lässt die Gelegenheit aus, diese Alternative zu untermauern. Dies wäre möglich gewesen, auch ohne in einem Strudel von Informationen zu versinken.

Thurns Film ist vielleicht auch mehr ein Meinungsfilm als eine zurückhaltende Dokumentation, richtet sich eher ans breitere Publikum. Seine Rolle als Aktivist verbirgt Thurn dabei nicht, genauso wenig wie seine Sicht der Dinge. Das ist prinzipiell nicht schlimm, kommt aber mitunter in Kombination mit der Musik didaktisch und im Dienst der Sache daher. Dass diese Mission Valentin Thurn seine Meinung vorzugeben scheint, schmeckt manchmal etwas schal.

Aufruf zum Nachdenken über die Ernährung

So bleibt „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt“ ein interessanter Film mit manchmal erschreckenden Ansichten, wie jene des US-Farmers in Mosambik, der Nachhaltigkeit mit Profit gleichsetzt. Aber auch mit vielen spannenden Beispielen, die auf lokales Engagement der Bürger setzen, wie das in Milwaukee, wo Bewohner unter der Leitung von Ex-Basketballprofi Will Allen eigenes Gemüse anbauen – „urban farming“. Damit regt Thurns Film die Zuschauer an, das eigene Ernährungsverhalten und die Rolle als Konsument zu überdenken und ruft zur Initiative auf.

Mit Blick auf den globalen Maßstab lohnt es sich auf den eingangs erwähnten Gegensatz zurückzukommen: Zukünftig wird es wohl weniger um das Oder gehen als um das Und. Denn wenn der Fleischkonsum in Schwellenländern wie Indien weiter so steigt, wird es ein Ende der Fleischindustrie, global betrachtet, nicht so schnell geben. Was viele der guten Initiativen doch etwas klein dastehen lässt – der große Trend für die Ernährung wird eben nicht im Westen gesetzt. Wie sagt der indische Hühnchenproduzent Bangaruswami Soundararajan von Chicken Saguna:

„Wir wachsen um 20 Prozent pro Jahr. Aber wir haben noch viel vor uns. Ich hoffe, dieses Wachstum setzt sich in den nächsten 20 bis 25 Jahren fort.“

Hinter ihm ziehen auf Förderbändern Dutzende, Hunderte, Tausende Hühnchen vorbei …


„10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“, Regie: Valentin Thurn, Deutschland 2015, 107 Minuten.
> Der Filmtrailer

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About Author

Timo Klippstein

Interessiert sich für Stadtkultur und verfolgt den Wandel in der Arbeits- und Medienwelt. Schaut und spielt gerne Basketball. Arbeitet beim Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW in der Kommunikation.Schreibt bei Medium als @klippklar.

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