Nachhaltigkeit – zwischen Inflation und Inspiration: Kleine Erläuterung eines großen Begriffs.

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Nachhaltigkeit? Weiß doch jeder, was das ist, oder? So populär, so inflationär verwendet – der Begriff findet nahezu überall Anwendung. Ob in Umwelt-Debatten oder Technologie-Blogs, ob in der Wirtschaft oder der politischen Diskussion und Verträgen ist von Nachhaltigkeit die Rede; aber auch die Kirchen und zuletzt Papst Franziskus sprechen von Nachhaltigkeit; sogar in Sport-Podcasts diskutiert man inzwischen, wie „nachhaltig“ sich ein Verein sportlich entwickelt. Was ist aber Nachhaltigkeit? Eine kurze Geschichte eines vielfältigen Begriffs.

Verfolgt man aktuelle Diskussionen, spannt sich der Nachhaltigkeitsbegriff meist über die Ökologie, die Ökonomie sowie das Soziale. Es handelt sich dabei um eine interdisziplinär verwendete Bezeichnung: Nachhaltigkeit lässt sich als ein Leitbild für das politische, wirtschaftliche und ökologische Handeln verstehen. Es gibt viele Facetten des Begriffs, von denen manche stärker die Umwelt berücksichtigen, während andere die Wirtschaft betonen. Alle aber propagieren eine umsichtige Verwendung von Gütern und Ressourcen, die auf Dauer ausgerichtet ist. „Es geht also bei der Nachhaltigkeit um das vorausschauendes Mitdenken von Folgen, auch um einen Wechsel des Blickwinkels“, beschreibt Michael Bauchmüller von der Süddeutschen Zeitung den Ansatz.

Der Anfang in der Forstwirtschaft

Als Vordenker der Nachhaltigkeit gilt Hans Carl von Carlowitz, ein Freiberger Oberberghauptmann (1645 – 1714), der von nachhaltigem Wirtschaften in der Forstwirtschaft sprach. Nach Carlowitz sollte der Wald nur um so viele Bäume abgeholzt werden, wie auch wieder nachwachsen. Eine natürliche Regeneration ist dabei der Kernpunkt und Grundgedanke, nachhaltiges Handeln verbindet die Gegenwart mit der Zukunft.

Von den Grenzen des Wachstums zur Brundlandt-Kommission

Im Jahr 1972 erhielt das Nachdenken über Ressourcen und umweltverträgliches Handeln einen kräftigen Schub. Mit dem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ stellte der Club of Rome den Verbrauch von Gütern und Rohstoffen, die Endlichkeit von Vorräten und die sich schnell ausdehnende und wachsende Weltbevölkerung in einen Zusammenhang. Damit war der Begriff der Nachhaltigkeit in der heutigen Zeit angekommen.

Eine Kommission der Vereinten Nationen setzte sich dann 1987 erstmals ausschließlich mit Nachhaltigkeit auseinander. Der klare Grundsatz für Nachhaltigkeit, den die Brundtland-Kommission formulierte (benannt nach der Vorsitzenden, der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundlandt), lautete: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Fähigkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden.“

Modelle der Nachhaltigkeit

Am bekanntesten sind heute das Drei-Säulen-Modell sowie das Schnittmengenmodell und das Nachhaltigkeitsdreieck, welche die Nachhaltigkeit illustrieren. Während im Säulenmodell Ökonomie, Ökologie und Soziales gleichberechtigt nebeneinander stehen und als Dach die Nachhaltigkeit tragen, hat die Wissenschaft versucht, in den beiden anderen Modellen die Zusammenhänge stärker zu verdeutlichen, die zwischen den drei Bereichen bestehen und nicht aufzulösen sind. Denn das Drei-Säulen-Modell hat die Schwäche, dass streng genommen nur die mittlere Säule nötig ist, um das „Dach“ zu tragen. Die Wechselwirkungen zwischen den Bereichen sind in den beiden anderen Modellen klarer herausgearbeitet. Ein anderer Kritikpunkt am Drei-Säulen-Modell ist die fehlende Gewichtung zugunsten der Ökologie, die viele Experten jedoch für maßgeblich halten.

Ein gescholtener Begriff? Diskussion um die Nachhaltigkeit

Interessant ist, dass der Begriff inzwischen fast überall angewendet wird, also sich scheinbar für viele Bereiche eignet. Dies entspricht seinem grundsätzlichen Konzept, nach dem die Nachhaltigkeit sich nicht auf bestimmte Felder beschränkt und sich zwischen mehreren Disziplinen befindet. Nachhaltigkeit erscheint begrifflich offen und geeignet, von vielen Seiten adaptiert zu werden. Seine Popularisierung zeigt womöglich auch seine gesellschaftliche Etablierung an, die einhergeht mit einer Wende hin zum vermehrten Nachdenken über komplexe (Welt-)Zusammenhänge.

Allerdings gibt zunehmend Versuche, den Begriff zu „kapern“, ihn sich zu eigen zu machen und „werberisch“ als Modewort zu gebrauchen. Michael Bauchmüller bringt es im Essay „Schönen Gruß aus der Zukunft“ im APuZ-Heft 31/32 für die Bundeszentrale für politische Bildung auf den Punkt: „’Nachhaltig‘, das klingt gut und glaubhaft.“ Der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung nennt den Begriff eine Chiffre für alles, was ernst gemeint ist und nicht nur oberflächlich. So bedienen sich Dax-Unternehmen, Politiker, Stadtplaner und Sport- und Modekonzerne an der Nachhaltigkeit – auch jenseits der Öko-Branche.

Zwischen Greenwashing und Gebrauchswert

Die Grenze zum Greenwashing, zum Sich-Schmücken mit einer scheinbar auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Firmenphilosophie, ist da nicht fern, wenn der kurzfristige Profit die grundsätzliche Umstellung des Wirtschaftens in den Schatten stellt. Wohl auch deswegen sieht Axel Bojanowski von Spiegel Online den Begriff kritisch, versteht ihn als Werbefloskel, der wegen seiner Mehrdeutigkeit außerdem unbrauchbar sei für präzise journalistische Berichterstattung. Vielmehr verschleiere der Begriff „die komplexen Zusammenhänge in der Natur und die zwischen Umwelt und Gesellschaft“, schreibt der der Geologe im selben APuZ-Heft.

Der Erfinder des Cradle-to-Cradle-Prinzips, Michael Braungart (zusammen mit US-Architekt William McDonough), sieht den Begriff Nachhaltigkeit ebenfalls durchaus kritisch. Einen Vorteil sieht er darin, dass der Begriff sich eignet, um die Prozesse, Ströme und Zusammenhänge in der Welt zu verstehen. Eine wirkliche Vision erkennt Braungart darin jedoch nicht. Nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip sollen Produkte am Ende ihrer „Lebenszeit“ wieder den Ausgangspunkt für neue Produkte darstellen – von der Wiege zur Wiege. Demnach werden Materialien wieder zu Grundstoffen und zirkulieren innerhalb von Stoffwechselkreisläufen. Der Begriff Abfall, so wie wir ihn heute verstehen, kommt darin nicht vor. Dies bedeutet also auch eine neue Herangehensweise an Entwicklung und Produktion.

Ausblick: Nach der Nachhaltigkeit?

Was lässt sich nun mit der Nachhaltigkeit noch anfangen? Brauchen wir vielleicht sogar einen neuen Begriff? Sollten wir ihn abschaffen? Aus Sicht von Michael Bauchmüller hat der Begriff keineswegs ausgedient. Vielmehr bedeute „Nachhaltigkeit letztlich, in vernetzten Systemen zu denken und zu handeln“. Das heißt aber auch: Sowohl die globale Perspektive als auch die lokale einzunehmen, gerade weil Probleme sich meist nur noch global lösen lassen. Darüber hinaus vermittelt Nachhaltigkeit keineswegs nur ein Verständnis vom sparsamen Umgang mit Ressourcen – sie verlangt zusätzlich, in Kreisläufen zu denken.
In jedem Fall ist ein kritisches Nachfragen bei der Verwendung des Wortes Nachhaltigkeit unerlässlich: Was ist mit „nachhaltig“ in dem jeweiligen Zusammenhang gemeint? Welche Abhängigkeiten bestehen und wer ist beteiligt? Dies aufzuschlüsseln ist ein Muss im Umgang mit der Nachhaltigkeit.

Einen guten Einstieg in den Diskurs über Nachhaltigkeit bietet das APuZ-Heft 31/32 der Bundeszentrale für politische Bildung; Begriffe und Definitionen lassen sich im Nachhaltigkeitslexikon der Aachener Stiftung Kathy Beys finden.


Weitere Informationen
Nachhaltigkeitslexikon: https://www.nachhaltigkeit.info
Der Nachhaltigkeitsrat: http://www.nachhaltigkeitsrat.de
Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/apuz/188655/nachhaltigkeit

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About Author

Timo Klippstein

Interessiert sich für Stadtkultur und verfolgt den Wandel in der Arbeits- und Medienwelt. Schaut und spielt gerne Basketball. Arbeitet beim Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW in der Kommunikation.Schreibt bei Medium als @klippklar.

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