Städte weiterdenken: der Kongress Resilient Cities 2015

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Skizzen, Anmerkungen und spannende Ideen aus Stadtplanung, Forschung und Projekten zur urbanen Resilienz.

„This is about saving lives.“

So markant spitzte Bonns Bürgermeister Jürgen Nimptsch die Bedeutung des Kongresses Resilient Cities 2015 zu, der von 8. bis 10. Juni 2015 in Bonn stattfand. Nimptsch betonte auch den „glokalen“ Fokus der internationalen Zusammenkunft: globale wie lokale Perspektiven und Projekte sollten auf dem mittlerweile zum sechsten Mal stattfindenden Kongress verbunden werden. Zentral für den Kongress zur Resilienz und urbanen Adaptation waren also sehr essentielle Fragestellungen: Wie kann man Städte widerstandsfähig machen angesichts von Erdbeben, Überflutungen oder Dürren? Wie kann man Menschen in die Lage versetzen, auf eine Krise zu reagieren und handlungsfähig zu sein? Wie kann der Fluss von Verkehrs- oder Informationsströmen gewährleistet werden und wie die Nahrungsversorgung für die Bewohner von Städten?

Ich habe für turngreen am Kongress teilgenommen und skizziere interessante Aspekte, Ideen und Diskussionen. Eine ausführliche Dokumentation findet sich im CityTalk-Blog des Veranstalters iclei.org.

 1. ISO 37120: Indikatoren für eine nachhaltige Stadtentwicklung

In einer der ersten Veranstaltungen, die ich besuchte, ging es um eine Zahl: die ISO 37120. Was abstrakt klingt, ist ein Standard, um die nachhaltige Entwicklung einer Stadt zu messen. Indikatoren dafür sind etwa Umwelt, Finanzen, Gesundheit, Sicherheit, Schutz oder auch Abfall, Wasser und Kommunikation(stechnologie). Als Performance-Indikator bietet die ISO Städten die Möglichkeit, sich selbst und ihre Projekte und Leistungen zu untersuchen und zu vergleichen. Mittels der ISO könnte beispielsweise aufgezeigt werden, dass in Stadt A Wasser und Strom nach einer Katastrophe wieder schneller zur Verfügung stehen als in Stadt B. Laut Matthew Lynch (Vice President of Global Partnerships and Initiatives, World Council on City Data) können Daten in Kombination mit der ISO 37120 Antreiber für neue Investitionen in Städten sein, auch nach einer Krise.
Doch was für eine europäische Stadt nützlich ist, hilft nicht zwingend einer asiatischen, denn die Städte können ihre Resilienz unterschiedlich weit entwickelt haben. Jerry Velasquez (Chief of Advocacy and Outreach, United Nations Office for Disaster Risk Reduction) sagte in diesem Sinne, dass man die Indikatoren als ein Menü verstehen könne, aus dem man je nach Gegebenheit wählt:

„If you like spicy food, you select the spicy indicators!“

Je nach Stadt und individueller Situation können also unterschiedliche Indikatoren wichtig und hilfreich sein, um Resilienz weiter auszubilden. Bedeutung kommt auch der Kommunikation unter den Städten und ihren Vertretern zu, wenn ähnliche Städte voneinander lernen, sich austauschen und kooperieren. Darin scheint mir auch der größte Nutzen eines sonst eher bürokratischen „Werkzeugs“ zu liegen: Die ISO kann eine Basis darstellen, die mittels definierter Indikatoren eine gemeinsame Sprache über die nachhaltige Entwicklung von Städten ermöglicht. Kurz gesagt: Man redet über das Gleiche und vergleicht nicht Äpfel mit Birnen. Erarbeitet hat die ISO 37120 das World Council on City Data.

Hier noch ein Video, das die ISO 37120 erläutert:

2. Urban Flows: die Stadt verstehen

Es gibt viele Modelle, mit denen sich Städte und ihre Teilsysteme verstehen lassen. Dies versucht auch das Konzept der „urban flows“. Silvia Haslinger Olsson von der Resilient City Association aus Malmö in Schweden stellte ihren Ansatz dazu vor und sagte: „Es ist eine Methode zum Verstehen und Beschreiben, wie die Stadt funktioniert, und um kritische Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zu identifizieren.“ Laut Haslinger Olsson orientiert ihr Ansatz sich am Konzept der vier „urban flows“, wie sie für Länder der EU beschrieben sind: Geld, Güter, Service, Menschen. Die Resilient Regions Association RRA hat zwei weitere „flows“ hinzugefügt: Energie und Information. So soll noch deutlicher und sichtbarer werden, wie anfällig eine Infrastruktur ist und welche Rolle die Teilsysteme für Resilienz spielen.

Auch Erica Seville von Resilient Organisations (Sheffield, Neuseeland) verwies im Sinne des Verstehens einer Stadt auf die „flows“, ergänzte aber noch einen Aspekt und fragte: Wie (schnell) erholt sich eine Stadt nach einem Notfall, Unfall oder auch einem Erdbeben? Einfluss auf die Erholung hat immer auch das Verhalten von Verwaltung und Wirtschaft: Wie reagiert die Stadt, wie schnell handelt sie (nach Plan und an den richtigen Punkten) oder wann und wo investieren Unternehmen in eine betroffene Region?

Einen zusätzlichen Punkt betonte Erica Seville: „Gegenwärtige ökonomische Modelle erfassen die Dynamiken von Störungen nicht sehr gut.“ Eine reine Angabe von Kosten erfasse die Krise nur zum Teil. So können beispielsweise städtische Bereiche nicht direkt vom Erdbeben betroffen sein, aber wenn Menschen ihren Arbeitsplatz in dem betroffenen Gebiet haben, sind diese es indirekt dann doch.

3. „Urban Food Systems“ als Teil der Stadtplanung

Und wie können die „Food Systems“ zur Resilienz in Städten beitragen? Die Nahrungsversorgungssysteme von Städten und nachhaltige Formen der Nahrungsproduktion waren ebenfalls Thema auf dem Kongress. Interessant war dabei, dass Nahrung der zentrale Punkt ist, von dem aus das Funktionieren einer Stadt als Ganzes betrachtet werden kann. Weil das Konzept mit seinem Fokus auf Nahrung und Essen relativ konkret gegenüber anderen Konzepten wie etwa Information erscheint, ist es greifbarer und sehr anschaulich. Auch hierbei findet man den Gedanken der „urban flows“ wieder: Wie sind der städtische, der ländliche Teil sowie die Vorstadt in einer Region verbunden – über lokale und regionale Märkte oder Anbauorte, aber auch durch die Logistik? Welche Rolle spielen der Verkehr und die Abfallwirtschaft dabei, wie hängen Arbeitsplätze mit Nahrungsmittelproduktion und dem Verkauf zusammen?

Ein anderes Beispiel für die „Ströme“ (oder Verbindungen) ist etwa, wie sich städtische Abfälle und Abwasser wieder als Ressourcen nutzen lassen. Dies sind nur einige Fragen, denen sich Organisationen wie die RUAF Foundation (Ressource Centres on Urban Agriculture and Food Security) widmen, ein Expertennetzwerk für städtische Agrarkultur und urbane Nahrungsstrategien. Weitere Fragestellungen sind: Haben die Bewohner Zugang zu ausreichend, nahrhafter, sicherer Nahrung, die sie sich auch leisten können? Wo lassen sich Abhängigkeiten von weiter entfernten Nahrungsquellen oder Händlern lösen? Welche stadtspezifischen „Schwachpunkte“ gibt es? Wie können mehr lokale oder alternative Märkte geschaffen werden? Und ebenfalls wichtig: Wo lassen sich in diesem System Jobs schaffen, um Armut zu vermeiden?

Auf dem Foto ist ein Podium des Urban Food Forums auf dem Kongress Resilient Cities 2015 zu sehen. Darauf sitzen mehrere Menschen; eine Frau spricht zum Publikum im Vordergrund.

Diskutieren über die Nahrungsysteme von städtischen Regionen: das Urban Food Forum auf dem Kongess Resilient Cities 2015 in Bonn. Marielle Dubbeling von der RUAF Foundation erläutert, wie ländliche mit städtischen Gemeinschaften verbunden sind. Foto: Timo Klippstein.

Verschiedene internationale Projekte wie „Supurbfood“ oder auch die Food and Agriculture Organization of the United Nations fördern die regionalen Nahrungssysteme. Es gibt Empfehlungen, um die Versorgungsketten zu verkürzen oder den Nährstoffkreislauf zu schließen. Heidrun Moschitz von „Supurbfood“ schlug vor, in den Stadtverwaltungen koordinierende Abteilungen für „food planning“ einzurichten. Die Verteilung von Platz für urbanen Anbau sowie der Zugang zu solchen Flächen für Landwirte und Kooperativen muss nach Marielle Dubbeling (Director RUAF Foundation) noch stärker in den Blick rücken – auch auf der planerischen Ebene von Verwaltungen und regionalen Regierungen. Idealerweise lässt sich Land für mehrere Zwecke zugleich einsetzen: Zum Beispiel Nahrungsproduktion und Hochwasserschutz vor dem Hintergrund der Anpassung an den Klimawandel. Wichtiger Bestandteil des „Urban Food System“ ist auch die Einbindung von unabhängigen Händlern. Deshalb fördern viele Projekte auch die Herausbildung von Fähigkeiten für Anbau und Versorgung, damit Menschen dieses System aufbauen und erhalten sowie darin arbeiten können.

Interessant fand ich, dass zusätzlich zur Verteilung und Bereitstellung von Anbauflächen die Bedeutung der Qualität des Bodens betont wurde. In den Diskussionen über die Nahrungssysteme wurde ein sehr planerischer Blick offenbar, der ein zum Teil stärker geregeltes System entwirft. Jedoch gilt es, auch die informellen Märkte und fliegenden Händler nicht auszuschließen, sondern sie vielmehr als vitalen Teil zu integrieren, denn diese verkörpern bereits viele der oben genannten Aspekte einer unabhängigen und funktionierenden Nahrungsversorgung. Ein Teilnehmer brachte es auf den Punkt: „Die Straßenhändler warten nicht auf Pakte und Beschlüsse.“

Zwei weitere interessante Links zum Thema „urban food systems“:
City Regions Food Systems
Milan Food Pact

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About Author

Interessiert sich für Stadtkultur und verfolgt den Wandel in der Arbeits- und Medienwelt. Schaut und spielt gerne Basketball. Arbeitet beim Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW in der Kommunikation.Schreibt bei Medium als @klippklar.

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