Urbane Resilienz als Balanceakt: Wie Städte mit Katastrophen und Krisen umgehen

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In New Orleans hinterließ der Hurrikan Katrina im August 2005 Tausende Menschen verletzt und obdachlos – mehr als 1.800 Menschen starben, 1.577 Tote gab es allein im Bundesstaat Louisiana. Wasser überschwemmte 80 Prozent des Stadtgebiets und unterbrach die Stromverbindungen, Einrichtungen wie Krankenhäuser und Schulen mussten schließen; es gab Plünderungen, Verunreinigung und Abfälle ließen Seuchen befürchten; Katrina verursachte Schäden in Milliardenhöhe.

Das Foto zeigt die Stadt New Orleans nach dem Hurrikan Katrina. Wie Städte mit Überschwemmungen umgehen, zeugt von ihrer Resilienz.

Überschwemmungen nach Hurrikan Katrina in Downtown New Orleans im August 2005. Foto: Mashley Morgan, CC BY-SA 2.0

Wie gehen Städte und Menschen mit Krisen-Situationen um, wie passen sie sich an, wie beugen sie vor? Beispiel New Orleans: Flüchten sie oder ziehen um? Bleiben sie vor Ort und bauen neue Strukturen auf? Welche Rolle spielen dabei Verwaltungen und Regierungen? Wie organisiert die Stadt Rettungskräfte, wie fließt der Verkehr, wie informiert die Verwaltung? Wie informieren sich die Bewohner, wie kommunizieren sie untereinander? Welche Rolle spielt die geographische Lage der Stadt, wie steht es um die Wirtschaft und die Sozialstruktur?

Das Stehaufmännchen – Sinnbild der Resilienz

Die Fähigkeit, Krisen zu widerstehen und zu überwinden, nennt man Resilienz (resiliere, lateinisch: zurückspringen, abprallen). Aus der Psychologie abgeleitet, sollen und können diesem Konzept zufolge Menschen die Fähigkeit entwickeln, Stress auszuhalten, Traumata und Rückschläge zu verkraften; sie sollen aber auch eine Krise antizipieren und sich auf diese vorbereiten. Zur Resilienz gehört auch der Gedanke eines dynamischen Gleichgewichts – das Bild eines Stehaufmännchens veranschaulicht das Prinzip. Daraus folgt die Frage: Welches sind die Voraussetzungen eines wirksamen Selbstschutzes?

Resilienz wird inzwischen auch auf Strukturen wie Institutionen und Städte übertragen (und sogar Unternehmen nehmen für sich in Anspruch resilient zu werden). Urbane Räume sind dynamisch, wandeln sich ständig, balancieren Einflüsse und Veränderungen aus. Ein Großteil der Menschen wird zukünftig in Städten leben und die Zahl der Menschen auf der Erde wird insgesamt größer (nach Schätzungen etwa neun Milliarden im Jahr 2050), was zusätzliche Spannungen und Probleme erzeugt. Die Stadt wird einer der zentralen Orte, wo wichtige gesellschaftliche Enscheidungen verhandelt und getroffen werden müssen. Auch aus diesem Grund interessieren sich für die urbane Resilienz Forschungs- und Fachrichtungen wie die Katastrophensoziologie, die Urbanistik, der Katastrophenschutz und Rettungskräfte sowie Stadt- und Raumplaner.

Aktion vor Reaktion

Für Städte ist es wichtig, von Anfang an auf sinnvolle, vorausschauende Planung zu setzen statt nur auf Reaktion und Schadensbegrenzung. Gerade weil Städte hochkomplex sind, erweisen sie sich auch als hochgradig störanfällig: Insbesondere Metropolregionen, Wirtschaftsräume und Mega-Städte gelten als gefährdet, denn dort leben viele Menschen auf engem Raum, es bestehen viele Abhängigkeiten und Wechselwirkungen.

Das Foto zeigt ein Auto in einer großen Wasserlache nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans. Überschwemmungen fordern Städte und ihre Resilienz heraus.

Folgen von Hurrikan Katrina in New Orleans, Louisiana. Foto: Infrogmation, CC BY 2.0

Dabei sind Städte seit jeher durchaus fähig, Störungen und Krisen abzufedern, wie historische Krisen zeigen: etwa der Umgang mit Seuchen, Kriegen oder Hungersnöten und Großbränden. Für Städte bedeutet resilienter werden auch: Verbindungen knüpfen – sowohl zwischen Menschen, die in der Stadt wohnen, als auch zwischen Städten, Regierungen und Staaten. Es soll ein soziales, belastbares Netz entstehen, in dem Kommunen untereinander Informationen, Ressourcen und Techniken austauschen. So lernten etwa die Einwohner von New Orleans nach Katrina von den Niederländern wie man Deiche baut und sich effektiver vor Hochwasser schützt.

Belastbares Netz mit vielen Verbindungen

Resilienz zu entwickeln, wird auf verschiedenen Ebenen angestrebt. Lokal gibt es Bewegungen wie die Transition Towns, die sich als Kommunen mit Herausforderungen wie dem Klimawandel auseinandersetzen oder das Wiedererlernen von Handwerken und Techniken (Re-Skilling) fördern.
Auf internationaler Ebene arbeitet zum Beispiel das United Nations Office For Disaster Risk Reduction an dem Thema. Eine seiner Kampagnen heißt: „Making Cities Resilient: My City is getting ready!„.

Eine Art Bindeglied zwischen Lokalem und Globalem stellt der Verband „ICLEI – Local Governments for Sustainability“ dar. Dieser berät und informiert Städte und Regionen, um Nachhaltigkeit vor Ort umzusetzen und veranstaltet auch das jährliche Treffen „Resilient Cities – The Annual Global Forum on Urban Resilience and Adaptation“. Der Verband mit Sitz in Bonn spannt sein Netz quer über den Globus: Mitglieder sind derzeit zwölf Mega-Städte (zum Beispiel Mexiko-Stadt, Mumbai, Sao Paulo), 100 Super-Städte und -Regionen, 450 Großstädte sowie 450 Mittel- und Kleinstädte in 84 Ländern. In Deutschland sind unter anderem Hamburg, Augsburg, Bonn und Berlin dabei.

Mit einem seiner Programme widmet sich der Verband auch der Resilient City und beschreibt die Vorteile für Städte so: „A resilient city is low risk to natural and man-made disasters. It reduces its vulnerability by building on its capacity to respond to climate change challenges, disasters and economic shocks.“

Kanada: drei Mal Resilienz

Das Foto zeigt die Stadt Vancouver. Sie gilt als eine der Städte mit hoher Resilienz.

Eine resiliente Stadt: Vancouver. Foto: Thomas Quine, CC BY 2.0

Aktuelle Vorbilder für widerstandsfähige Städte gibt es bereits. Einem Bericht der Grosvenor Immobiliengruppe zufolge liegen die drei resilientesten Städte der Welt in Kanada: Toronto, Vancouver, Calgary – sie sind am wenigsten verwundbar und haben zugleich die Fähigkeit, sich am schnellsten an neue Umstände anzupassen.


Weitere Informationen zum Konzept der Resilienz in den Städten gibt es in diesen zwei Videos.

Welches sind die wesentlichen Faktoren für Resilienz in zukünftigen Städte? Auf diese Frage und zu den möglichen Herausforderungen in urbanen Räumen anwortet Prof. Dr. Klaus Thoma, Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik /Ernst-Mach-Institut:

Die Rockefeller Foundation hat das Programm 100 Resilient Cities initiert und verbindet Städte im Wissensaustausch:

 

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About Author

Timo Klippstein

Interessiert sich für Stadtkultur und verfolgt den Wandel in der Arbeits- und Medienwelt. Schaut und spielt gerne Basketball. Arbeitet beim Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW in der Kommunikation.Schreibt bei Medium als @klippklar.

2 Kommentare

  1. Tolle Seite, Timo! Sooo viel interessante Info, optisch so ansprechend aufbereitet. Lobloblob. Und sogar eine mobile Fassung… Sehr schön. Kann man gut weiter verbreiten! Die Sache mit der Resilienz und Vancouver überprüfen wir demnächst vor Ort. Biggi + Norbert (nicht facebookable)

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